Gründermagazin präsentiert: Circular Carbon

Circular Economy mit Kohle

… das ist das Geschäft von Circular Carbon GmbH (das Gründermagazin hat bereits darüber berichtet). Kreislaufwirtschaft, zirkulare Kohle, das hat viel mit Passion für Nachhaltigkeit zu tun, mit Erfindergeist und mit technischen Raffinessen. Nicht umsonst hat CEO Felix Ertl im Juni 2019 des 4. Würzburger Startup-Preis für sein Unternehmen abgeholt.

Zwei Standbeine

Erklärt Felix seine Vision und Beweggründe, gerät er ins Schwärmen und zieht die Zuhörerschaft mit – man merkt, dass er überzeugt ist von dem, was er macht.

„Ich bin sehr idealistisch getrieben – ökologischer Antrieb, Artenvielfalt und Biosphäre sollen erhalten bleiben; dazu möchte ich beitragen.“

Felix Ertl

Circular Carbon beschäftigt sich mit der Projektentwicklung als eines seiner großen Themenfelder; Projekte rund um die Eigenproduktion von Pflanzenkohle und deren Verkauf. Als Flagship dient das „Schokoladenprojekt“, wie er es liebevoll nennt, das wir euch gleich erläutern.

Das zweite Standbein ist, Produkte aus der hergestellten Pflanzenkohle anzufertigen.

Egal wie, wo und mit wem diese zwei Prozesse umgesetzt werden; das Ziel ist immer, die Kohle wieder in den Boden zu bringen – einen „Kohlekreislauf“ zu schaffen – circular carbon! Apropos: Diese Verfahrensweise steht ganz im Sinne der Circular Economy, auch Kreislaufwirtschaft, die eben keine lineare oder Wegwerf-Wirtschaft ist, sondern ein Minimum an Abfallprodukten vorsieht, die wiederum ebenfalls so lange wie möglich in der Wirtschaft bleiben sollen.

Das Schokoladenprojekt

Obwohl die Idee erst 2017 entstand und im Juni 2018 erst gegründet wurde, ist Circular Carbon schon mitten im Geschäft. Am „Schokoladenprojekt“ lassen sich gut die ethischen Beweggründe, das innovative Element, die Technik und die Nachhaltigkeit erklären.

Circular Carbon nimmt zurzeit die Anlagetechnik auf der anderen Straßenseite eines großen Schokoladenherstellers in Norddeutschland in Betrieb. Dieser stellt das Kakaopulver für die Chocolatiers in vielen verschiedenen Firmen her. Die daraus entstehenden Abfallprodukte – Kakaobohnenschalen – kommen mit Fördertechnik über die Straße und werden von Circular Carbon verarbeitet, aber lasst uns dort anfangen, wo auch die Schokobohne wächst: Im Regenwald.

Kakaobohnenpflanze

Ausbeutung

In Südamerika, in Westafrika, in Indonesien – das sind einige der Gebiete, in denen der Kakaobaum wächst. Der braucht idealerweise eine Schattenpflanze, unter der er sich vor der prallen Sonne ‚verstecken‘ kann. Diese finden sich im natürlich gewachsenen Regenwald zuhauf. Schwierig wird es, wenn die Schokoladenindustrie Regenwald ausbeutet, um Platz für Monokulturen zu schaffen, also mehr Kakaobäume. Dann entfällt nämlich – neben vielem anderen – der Schatten von oben und die Bäume müssen mit Pestiziden und Dünger zum Wachsen animiert werden. Ob reine Monokultur oder nicht: Greift der Mensch ein und pflanzt vermehrt nach seinem Gusto, in unserem Fall eben mehr Kakaobäume, reduziert das die Artenvielfalt und laugt den Boden aus. Dieser muss also wieder gedüngt werden; zudem werden die im Boden enthaltenen Nährstoffe weggeschwemmt, wenn ‚Unkraut‘ – in diesem Fall sind das Pflanzen, die den industriellen Abbau behindern – fehlt. Dünger und Pestizide gelangen ins Grundwasser, das komplette Ökosystem ist gestört. In Deutschland werden jährlich 400.000 Tonnen Kakaobohnen von der Schokoladenindustrie verarbeitet, ihr könnt euch vorstellen, wie das die Schokoladenindustrie umsetzt. (https://www.regenwald-schuetzen.org/verbrauchertipps/kakao-und-schokolade/)

„Wenn die Biosphäre zerstört ist, können wir sie nicht wiederherstellen.
Wir leben auf Kosten unserer Kinder – es ist eine existenzbedrohnde Krise.“

Felix Ertl

Tatkraft

Erschreckend. Aber was hat das mit Pflanzenkohle zu tun? Jene Schokoladenfabrik in Norddeutschland, so Felix, produziert jährlich etwa 10.000 Tonnen Kakaobohnenschale (von rund 100.00 Bohnen). Bisher konnte man diese in der Tierhaltung zufüttern, was nun wegen des Risikos für Pilzbildung nicht mehr erlaubt ist oder einfach verbrennen. Alle Methoden sind wenig nachhaltig und für den Hersteller keine gute Einnahmequelle. In den Herkunftsländern fehlen die Schalen allerdings; sie enthalten das bekannte ‚NPK‘: Stickstoff (N), Phosphor (P) und Kalium (K) – die drei großen Nährstoffe, ohne die kein Leben funktioniert.

„Phosphor ist die knappste Ressource auf unserem Planeten. Was Phosphor angeht, verbrauchen wir jedes Jahr sechs bis sieben Erden. Abbaugebiete gibt es nur sehr wenige. Wir leben also auf Kosten der zukünftigen Generationen.“

Felix Ertl

Beim Verfahren von Circular Carbon wird das Phosphor, um dabei zu bleiben, nicht verbrannt und entschwindet als Abgas, sondern wird in der schlussendlich entstehenden Pflanzenkohle gebunden.

Vision

Führt man die Pflanzenkohle wieder dem Boden zu – vorzugsweise in den Herkunftsländern – klappt es wieder ein Stückchen besser mit dem Ökosystem. Die Vision ist es, in die Anbaugebiete gehen und genau das flächendeckend umsetzen: Abfallströme zurückführen, um Boden wiederaufzubauen.

So wären die zwei Standbeine gesichert – die zirkulare Verwendung eines Abfallprodukts zur Herstellung eines Produkts, das wiederum ins Ökosystem eingeht.

Übrigens: So wie die Schalen über die Straße zu Circular Carbon gefördert werden, kommt Gas aus der Produktion zurück und ersetzt das bisher verwendete Erdgas in der Schokofabrik.

Leben von (und mit) Idealismus

Felix Ertl hat an der FHWS Maschinenbau studiert. Klassiker. Er kommt aus der Gegend, es bot sich an. Weiter ging es dann nach Stockholm: Studium der nachhaltigen Verfahrenstechnik. Er arbeitete vermehrt mit Pyrolyse, dem technischen Verfahren der Verkohlung / Carbonisierung.
Danach ist er zum Arbeiten nach England übergesiedelt und traf auf seine zukünftigen Mitstreiter und -gründer: Lasse Gunnerud (aus Norwegen), Julien Pertwee (aus GB) und Peik Stenlund (aus Finnland). Zwei der drei sitzen noch immer in Südengland, darum ist dort, neben Würzburg, auch ein Firmensitz. Da Circular Carbon ohnehin international aufgestellt und orientiert ist, bietet sich dies mehr als an.

Dennoch freut sich Felix, in Würzburg zu sein. Zum einen, weil seine Frau sich hier in Chemie promoviert, zum anderen, weil er die Start-up-Szene hier sehr schätzt (und zwar schon vor dem Startup-Preis 2019). Er sieht viel Ehrgeiz und Engagement in Würzburg und ein gut funktionierendes Netzwerk. Felix war in Start-up-Szenen in Californien und Finnland unterwegs und fällt auf dieser Grundlage sein Urteil: „Funktioniert in Würzburg teilweise sogar besser“. Durch den Kontakt und die Unterstützung aus den Gründerzentren kam er mit der BAYStartup ins Gespräch, fand Hilfe bei den Aktivsenioren und hat schließlich nicht umsonst seine Büroräume im IGZ.

In Schweden hatte Felix bereits die erste Firma mitgegründet; Maiskolben haben sie verstromt und auch hier schon Pflanzenkohle hergestellt, die zur Aufforstung genutzt wurde und noch wird. Eine wichtige Sache hätten sie dabei aber alle verpasst, erzählt Felix, und zwar das Ganze wirtschaftlich zu machen.

„Ich habe auch erst lernen müssen: Nachhaltigkeit muss auf drei Ebenen funktionieren:

Sozial, Umwelt und wirtschaftlich.

Erst dann ist etwas nachhaltig.“

Felix Ertl

Mit diesem wichtigen Gedanken im Hinterkopf haben Felix und das Circular Carbon-Team viele Ideen und arbeiten bereits an zahlreichen neuen Projekten:

Fliegen im Schweinestall ohne Chemie, sondern durch den Einsatz von Pflanzenkohle vertreiben: Damit bildet sich auf der Gülle keine Schwimmschicht, Fliegen können dort keine Eier mehr ablegen, außerdem bleibt der beißende Geruch aus.

„Da kommen wir nicht drum rum: Wir müssen CO2 im Boden verkappen!“

Felix Ertl

Einsatz in der Region Mainfranken

Circular Carbon unterstützt einen lokalen Händler aus Schweinfurt: Terra Magica. Sie vertreiben Pflanzerde ohne Chemie und Torf (dafür mit Kohle) und Kessel zum Herstellen von – was sonst – Pflanzenkohle. Das Problem herkömmlicher Erde ist, dass sie oft Torf enthält, der in zwar in Deutschland nicht mehr gestochen werden darf, weil es den Mooren unwiederbringlichen Schaden zufügt, in anderen europäischen Ländern jedoch schon.

In Zusammenarbeit mit der Stadt Würzburg werden im Rahmen der Initiative „Würzburg atmet auf“ die Pflanzenkohle-Erzeugnisse mitten in der City verwendet. Die Stadtbäume haben ein Minimum an Platz und werden oft nicht ganz ausreichend mit Wasser und Nährstöffen versorgt. Der Strukturboden, den Circular Carbon anbietet und Klimaboden nennt, saugt schwammartig das Wasser auf und gibt es nach und nach an die Pflanzen in der City ab. Der erste Baum freut sich schon darüber: Hier wird er von Felix und Oberbürgermeister Christian Schuchardt in der Ludwigstraße gepflanzt. Auch die Main-Post berichtete darüber.
Auch mit der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau – Veitshöchheim arbeitet Circular Carbon in Zukunft zusammen, daher war auch ein Vertreter von der LWG bei der Baumpflanzung vertreten.

v. l.: Erwin Pfeuffer (Aktivsenioren), Dr. Philipp Schönfeld (LWG), OB Christian Schuchardt, Bernd Rausch (Gartenamt), Felix Ertl, Stadträtin Sabine Wolfinger.
(c) Herbert Kriener

Wir könnten euch noch so manche spannende Idee von Felix näherbringen – er selbst noch viel mehr – doch empfehlen wir an dieser Stelle, einfach ‚up to date‘ zu bleiben und sich immer mal wieder auf der Circular Carbon-Website und in den sozialen Medien danach umzusehen.

Wir berichten spätestens wieder, wenn der Nobelpreis übergeben ist!

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Rebecca Hümmer
Rebecca Hümmer betreibt seit 2015 die Agentur hümmer kommunikation in Würzburg. So kann sie sich selbst gut in alle Themen rund um das Gründen hineinfinden und darf regelmäßig hier auf Gründen@Würzburg bloggen.
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